Karsamstag

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Am "Großen Samstag", wie ihn der christliche Osten nennt, betrachtet die Kirche zuerst das Mysterium des Begräbnisses ihres Herrn, das Mysterium seines Todes, seiner Stille, seines Ruhens. Wie könnten wir Ostern feiern, wenn wir Karsamstag überspringen würden?

 

Im "Katechismus unseres Herzens", wie ein großer Theologe einmal sagte, scheint der Karsamstag keinen großen Platz einzunehmen. Der Gründonnerstag feiert die Einsetzung des Sakraments des Liebe, der Karfreitag verehrt das Kreuz, die Osternacht besingt die Auferstehung - doch der Karsamstag? Und doch bekennt das Credo an jedem Sonntag das Mysterium, dessen dieser Tag im besonderen gedenkt: "gestorben, begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes". Ja, bei jeder Eucharistie "verkünden wir den Tod des Herrn, bis er kommt!" (1 Kor 11,26)

 

 

Am großen Samstag also betrachtet die Kirche dieses Mysterium des Begräbnisses ihres Herrn. Jesus ist wirklich tot. Er ist es nicht nur scheinbar. Er hat kein Spiel gespielt. Eines Tages hat er den Weg genommen, der auch der unsrige sein wird: er hat dieses Leben verlassen, diese Welt, unsere greifbare Welt, so würdig der Liebe; er ist hinabgestiegen in den tiefsten Abgrund des Menschen, welchen die Bibel Scheol oder Hades nennt: die Schatten des Todes. Und die Kirche fürchtet sich nicht, dort einen Moment innezuhalten, mit einer gewissen Furcht, doch ebenso mit einer stillen Sanftheit diesen göttlichen Abstieg in die gewaltige menschliche Ohnmacht zu betrachten: Christus ist sogar im Tod vorausgegangen, er hat sich in die Hände des Vaters fallen lassen und von dort aus hat er alle Karsamstage unseres Lebens geheiligt. Seitdem leuchtet das Licht Christi im Herzen unserer eigenen Existenz, auf dem Grund alle Abgründe uns bis in die äußerste Dunkelheit hinein. Das Schweigen Gottes in der Ruhe dieses siebten Tages, an diesem Großen und Heiligen Sabbat, flüstert bereits die neue Schöpfung des achtet Tages. Und die Kirche schweigt, um es zu hören.

 

Doch mit ihr gemeinsam hören es auch alle, der der Tod gefangen hielt, all jene, die seit Beginn der Menschheit darauf warteten, dass sich die Pforte des Himmels öffne. Denn Christus schreitet durch seinen Abstieg in die Scheol zur geheimnisvollen Begegnung mit ihnen, um Adam, und mit ihm die gesamte Menschheit an die Hand zu nehmen, wie es so schön die Ikone vom Abstieg in die Unterwelt zeigt, die wahre Osterikone des Ostens: "Wach auf du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein." (Eph 5,14) So durchzieht ein erster Vorgeschmack auf Ostern die Stille der Kirche: nach dem Schrecken von Golgotha belebt ein erstes Aufleben der Freude ihre Erwartung: nein, Gott kann seine Seele nicht der Scheol überlassen, er kann seinen Frommen das Grab nicht schauen lassen (vgl. Ps 16,10). Er ist hinabgestiegen, um "alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien" (Jes 42, 7) und "derselbe, der herabstieg, ist auch hinausgestiegen bis zum höchsten Himmel, um das All zu beherrschen" (Eph 4,10).

 

Deshalb ist der Karsamstag weder ein Tag der Klage nach der Trauer, sondern ein Tag der liebenden Stille. Gewiss, durch die Taufe auf Christus sind wir mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod (Röm 6,4) und von diesem Tod erhalten wir bereits einen Vorgeschmack, weil wir unser ganzes Leben lang sterben... doch unsere Hoffnung ruht heute auf diesem Schweigen, so wie Christus im Grab ruht, und mit Maria, mit den Heiligen Frauen verweilen wir in der Nähe des Grabes, um in die sanfte und zärtlich liebende Ruhe Gottes einzutreten: von ihm allein kommt das Heil.

 

Der Karsamstag kennt keine Anbetung, weder Eucharistiefeier noch eine Kommunionfeier mit zuvor konsekrierten Hostien. Wenn sich die Kirche zum Stundengebet versammelt, hat sie dennoch nie eine spezielle Gedenkfeier des im Grabe liegenden Christus gewollt. Ihr Meister ist wirklich entschlafen, und sie empfängt im Glauben und in der Stille die gesamte Tiefe dieses Geheimnisses. Ausgespannt zwischen der Sehnsucht, vor dieser Erniedrigung Gottes in Liebe zu schweigen, und der friedvollen Hoffung, die geteilt werden will, versammeln wir uns am Mittag dieses Großen Samstags zum Offizium vom Abstieg in das Reich des Todes. Die gesamte Liturgie vermittelt dieses gottesfürchtige Erstaunen, zu sehen, wie "das unendliche Leben in den Tod hinabsteigt" und diese leuchtende Gewissheit, dass "die Unterwelt durch den Glanz seiner Gottheit vernichtet wird" (erstes Troparion); dann das vom Schwert durchbohrte Herz Mariens zu sehen und sie ohne Zögern bekennen zu hören: "...doch du wirst meine Trauer in die Freude deiner Auferstehung verwandeln" (zweites Troparion). Die Psalmen und die Cantica öffnen sich ihrerseits dieem zweifachen Geheimnis: recto tono gesungen (das einzige Mal im Jahr nicht mehrstimmig), ohne Antiphon und Doxologie bringen sie dieselbe innere Erschütterung zum Ausdruck, um sich sofort der Hoffnung und Gewissheit auf das Heil zuzuwenden: "Rette mich, denn bei den Toten denkt niemand mehr an dich - der Herr nimmt mein Beten an" (Ps 6); "tief in die Erde kam ich herab, ihre Riegel schlossen mich ein für immer - doch du holtest mich lebendig aus dem Grab herauf, Herr, mein Gott" (Jona 2), "aus der Tiefe rufe ich, Herr zu dir - höre meine Stimme!" (Ps 130).

 

Auch die Lesungen halten in uns die gleiche - herausfordernde - Spannung wach zwischen einem unendlich großen Respekt und einem tiefen Schweigen (das Evangelium zeigt uns die Grablegung), und einer lebendigen und hoffnungsvollen Erwartung (der erste Petrusbrief verkündet Christus, wie er die Frohe Botschaft allen verkündet, die der Tod gefangen hielt). Als Antwort darauf verkündet der Choral der Erwartung der Auferstehung wie ein erster österlicher Glanz bereits voller Hoffnung: "Jesus, siegreicher Herr! Du, Liebe stärker als der Tod!", und Maria, an deren Seite wir uns mit unserem letzten Gesang in Frieden vor ihrem entschlafenen Sohn wiederfinden, lehrt uns ein letztes Mal an diesem Karsamstag das sich Überlassen an den Vater, der bereits die Tore ewigen Lebens öffnet - um den Sohn von den Toten zu erwecken, um auch alle zu sich zu ziehen, denen Christus die Hand entgegengestreckt hat: "Komm! Mein Vater erwartet dich! Der Hochzeitssaal ist bereitet. Das Himmelreich öffent sich für dich!" (Pseudo-Epiphanius)

 

zur Patristik zum Tag (auf französisch)

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